NHB-Jahresheft 2026: Energiewende, Tracht, eine alte Mahnung
Das Jahresheft des Niedersächsischen Heimatbundes setzt drei Schwerpunkte — Energielandschaft, die Aufarbeitung der Heimatschutz-Bewegung 1933 bis 1945 und die Renaissance regionaler Trachtenpflege. Eine Bestandsaufnahme ohne Pathos.
Der Niedersächsische Heimatbund (NHB) ist mit derzeit rund 480 Mitgliedern keine große Organisation, aber er ist die älteste landesweite Plattform für die Heimatpflege zwischen Ostfriesland und dem Harz. Gegründet 1901 — also drei Jahre vor dem reichsweiten Bund Heimatschutz und nur zwei Jahrzehnte nach den ersten Heimatschutz-Initiativen der 1880er Jahre — versteht sich der NHB heute als Dachverband der Bezirksverbände (Heide, Wendland, Weserbergland, Ostfriesland, Ems-Hunte, Elbe-Weser) und als Schnittstelle zwischen den Heimatvereinen vor Ort und der Landespolitik. Das Jahresheft, das im Juni an die Mitglieder geht, ist seit Jahrzehnten das wichtigste programmatische Dokument des Verbandes.
Energiewende und Landschaftsbild
Das längste Editorial des aktuellen Heftes (28 Seiten) widmet sich der Frage, wie der NHB sich zur Energiewende positioniert. Die Aussage ist deutlich, aber nicht abwehrend: Der Verband bejaht den Ausbau erneuerbarer Energien, mahnt aber die Bewahrung von Sichtbeziehungen in der Kulturlandschaft an. Konkret heißt das: Windkraftanlagen in der Sichtachse zwischen dem Wilseder Berg und dem Brunsberg lehnt der NHB ab; großflächige Freiflächen-Photovoltaik auf Heide-Randflächen ebenfalls. Akzeptiert werden dagegen Anlagen auf vorbelasteten Flächen (Industrie, Verkehrsachsen, Konversionsflächen) und Repowering bestehender Standorte.
Diese Position ist im Verbandsdiskurs nicht unumstritten. Ein längeres Diskussionspapier des Bezirksverbandes Elbe-Weser plädiert für eine offenere Haltung gegenüber Solar-Parks und kritisiert die Sichtachsen-Argumentation als „weiches Kriterium ohne klare Schwelle”. Das Heft druckt beide Positionen — eine Praxis, die der NHB seit den 1990er Jahren pflegt und die ihn von den oft monolithischen Stimmen anderer Verbände unterscheidet.
Heimatschutz-Bewegung 1933 bis 1945 — die Mahnmal-Frage
Den zweiten Schwerpunkt bildet ein Themenblock zur Geschichte des Verbandes selbst in den Jahren 1933 bis 1945. Anlass ist die seit zwei Jahren geführte Debatte um ein Mahnmal an der Geschäftsstelle in Hannover. Der NHB hatte sich 1933 — wie fast alle Heimatvereine — der nationalsozialistischen Gleichschaltung gefügt, einzelne Vorstandsmitglieder waren NSDAP-Mitglieder, die Verbandszeitschrift übernahm bis 1944 Sprachformeln des Regimes. Eine umfassende historische Aufarbeitung leistete der Verband erstmals 2007; 2024 beschloss die Mitgliederversammlung, an der Geschäftsstelle ein dauerhaftes Mahnmal anzubringen.
Das Jahresheft 2026 dokumentiert den Wettbewerbsausgang. Gewählt wurde der Entwurf der Hannoveraner Bildhauerin Insa Sjurts: eine 1,80 Meter hohe Stele aus Findlingsbasalt mit einer eingelassenen, abgeschrägten Bronzeplatte, auf der die Selbstverpflichtung des Verbandes von 2024 in zwei Sprachen (Hochdeutsch und Plattdeutsch) eingegraben ist. Die Aufstellung ist für Oktober 2026 geplant. Das Heft druckt die Begründungen der drei Finalisten und die Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirats — der NHB macht aus der Mahnmal-Frage keine reine Symbolübung, sondern hält die Auseinandersetzung lesbar.
Tracht — Renaissance ohne Folklore
Der dritte Schwerpunkt ist überraschender: regionale Tracht. Seit etwa 2019 verzeichnen mehrere Heimatvereine in der Heide und im Wendland eine wachsende Zahl jüngerer Mitglieder (zwischen 18 und 35), die sich aktiv für die historischen Trachten der Region interessieren — die Lüneburger Knochenhauer-Tracht, die Hannoversche Werktagstracht, die Wendländische Tracht mit dem charakteristischen schwarzen Mieder und der dunkelroten Schürze. Das Phänomen ist kein folkloristischer Rückfall, sondern, wie der Beitrag von Almut Stenner (Universität Lüneburg) zeigt, eine Form materiell-kultureller Selbstverortung in einer als entortet empfundenen Gegenwart.
Die Heimatbund-Bezirksverbände reagieren unterschiedlich. Der Bezirk Heide fördert seit 2024 Trachtenkurse in Bispingen, Schneverdingen und Soltau und finanziert die Materialbeschaffung (Leinen, Knöpfe, Borten) anteilig. Der Bezirk Wendland setzt stärker auf Dokumentation als auf aktive Förderung und hat ein digitales Trachtenarchiv mit derzeit etwa 340 Einträgen aufgebaut. Der Bezirk Weserbergland verhält sich zurückhaltend, weil dort die Tracht historisch weniger ausgeprägt war. Das Jahresheft druckt die unterschiedlichen Strategien nebeneinander, ohne eine zu favorisieren — eine Form der Bestandsaufnahme, die den Mitgliedern eigenes Urteil zumutet.
Verhältnis zum NDR-Plattdeutsch-Programm
Eingebettet in die Tracht-Diskussion ist ein kürzerer Beitrag zum Verhältnis des NHB zum NDR. Das Plattdeutsch-Programm des Senders, dessen Sendezeit nach den jüngsten Programmreformen weiter reduziert wurde, ist für viele Heimatvereine eine wichtige öffentliche Plattform. Der NHB hat im Herbst 2025 eine gemeinsame Eingabe mit dem Plattdüütschbüro und dem Heimatbund Schleswig-Holstein eingereicht, um die Sendezeit zu sichern. Die Reaktion des NDR-Rundfunkrats wird im November 2026 erwartet; das Heft formuliert die Verbandsposition deutlich, vermeidet aber den oft moralisierenden Ton solcher Debatten.
Vereinsstruktur und Mitgliederentwicklung
Bemerkenswert ist die statistische Übersicht im Anhang des Heftes. Die Gesamtmitgliederzahl ist seit 2018 leicht rückläufig (von etwa 510 auf 480), die Zahl der angeschlossenen Heimatvereine in den Bezirken aber stabil bei 178. Der Durchschnittsaltersmedian der Mitglieder ist von 67 (2018) auf 61 (2025) gefallen — ein für Heimatverbände untypischer Trend, der mit dem Beitritt jüngerer Vorstandsmitglieder zusammenhängt und mit der Tracht- und Plattdeutsch-Renaissance korrespondiert.
Die Vereinsstruktur folgt klassischem niedersächsischem Vereinsrecht nach §§ 21 bis 79 BGB: eingetragener Verein, gemeinnützige Körperschaft, Doppelmitgliedschaft Bezirk plus Landesverband, ein hauptamtlicher Geschäftsführer (Friedrich Brakelmann seit 2021) und ein ehrenamtlicher Vorstand aus sieben Personen. Die Mitgliedsbeiträge — 36 Euro für Einzelmitglieder, 90 Euro für Heimatvereine — decken etwa 62 Prozent des Haushalts; die Lücke füllen Landeszuschüsse, Stiftungsmittel (vor allem von der Stiftung Niedersachsen) und projektbezogene Förderungen.
Das Heft als Verbandsspiegel
Wer das Jahresheft 2026 als Gesamtdokument liest, sieht einen Verband, der seine Tradition kennt, aber nicht zelebriert; der die Energiewende nicht abwehrt, aber Bedingungen stellt; der die eigene NS-Geschichte materiell sichtbar macht, ohne den Akt zum Schluss-Strich zu erklären; der die Tracht-Renaissance fördert, ohne sie zu folklorisieren. Das ist mehr Heimatkunde als Heimat-Pathos — und es ist die Art Bestandsaufnahme, an der sich die kommunalen Heimatvereine in der Heide orientieren können, ohne in Nachahmung zu verfallen.